Der Arbeitskampf – Anfang 1920 ein Schwelbrand

Ein schweres Erbe: Die Ablehnung von Parlamentarismus und sozialen Erfordernissen. Der zunehmend politisierte und blutige Arbeitskampf mit seinen verschiedenen Interessen und Zielen hatte seine Wurzeln in der Politik Bismarcks. Die junge Republik stand am Anfang von Veränderungen, sie musste ihre Wege und Mittel erst finden. Kurz nach den tiefgreifenden Erlebnissen in den Schützengräben, war die Bereitschaft zum Handeln groß. Größer als die Geduld sich auseinanderzusetzen und von seiner Position der Vorkriegszeit schrittweise abzurücken. Das Militär, als Bewahrer der inneren Sicherheit, war monarchistisch gesonnen und in seiner politischen Auffassung nicht der Republik verbunden. Im Ausnahmezustand billigte die junge Demokratie dem militärischen Befehlshaber autokratische Macht und alleinige Entscheidung zu.

Die Einstellung von Reichsregierung, Militär und Presse wurde 1919 auch durch die Proteste von Hamborn geprägt und hatte Einfluss auf das Handeln im Ruhrgebiet ein Jahr später. Die Regierung fernab in Berlin bezog Informationen aus unterschiedlichsten offiziellen Kanälen mit je eigenen Sichtweisen. Zentren der „Entladung“ des Protestes sowie das „Hochschaukeln“ einzelner Vorkommnisse durch Leitartikel werden erst deutlich durch Sichtung der Tagesausgaben dieser Zeit. Anhand einiger Schlagzeilen aus der Hamborner Volkszeitung (HVZ) konnte ich den Ablauf für drei Wochen im Januar 1920 teilweise rekonstruieren.

Es erschreckt uns heute, welche Haltung zu Krieg, Parlamentarismus sowie der erlittenen Niederlage angesichts der harschen Bedingungen des Friedensvertrages und der alleinigen Schuldzuweisung erkennbar wird. Noch im Juni 1919, kurz vor der Zustimmung des Reichstags zum Frieden von Versailles, wurde der Gedanke eines erneuten militärischen Kampfes gegen die Alliierten auf höchster Eben erwogen.

Erst mit distanziertem Blick gewinnt man mehr Verständnis dafür, wie es zur Eskalation kommen konnte und wieso es im Februar 1920 zu einer Spitze im Schwelbrand der Ereignisse des Jahres kam.

Unruhen in Berlin und im Ruhrgebiet. Die erzwungene Auflösung des Kaiserreichs und die Angst vor einer sozialistischen Räterepublik ähnlich der in Russland prägten seit der Novemberrevolution 1918 das Geschehen in Deutschland. Aus Historikersicht wurde mit zunehmenden Erkenntnissen der Begriff „Novemberrevolution“ abgelöst durch „Unruhen zu Beginn der Weimarer Republik“. Denn die mit der politischen Umorientierung einhergehenden Unruhen, die als Arbeitskampf begonnen hatte, endete nicht im November. Das neue Streikrecht, den Arbeitern im November 1918 zugebilligt, machte den Arbeitskampf legitim, mehr nicht.

Die Gesellschaft der „Nach-Kaiserzeit“ stellte sich gegen jede Störung der Ordnung. Exzesse machten es leicht, dafür Zustimmung aus der Bevölkerung zu bekommen und dem Militär Ordnungsfunktionen zu geben. Dies ist heute, 100 Jahre später, ausgeschlossen. Das Militär unserer Zeit wurde geprägt durch das Grundgesetz, es wurden Konsequenzen aus den Erfahrungen der Geschichte gezogen. Auch die Polizei wurde nach 1949 anders ausgebildet und auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen sensibel vorbereitet.

Vom Arbeitskampf zum Bürgerkrieg im Ruhrgebiet. Dinslaken war in der militärischen Planung 1920 Auffangstellung für einen möglichen Rückzug der Reichswehr-Verbände vor Wesel. Dinslaken Ortsteil Lohberg stand als wichtiger Zechenstandort, als Arbeiterwohnort und mit einer starken KPD-Ortsgruppe politisch auf der Seite der Roten Armee. Damit spitzte sich die Situation vor Ort zu.

Obwohl das Militär mit besseren Waffen ausgestattet war und gegen unzureichend organisierte, doch hoch motivierte Gegner kämpfte, wurde aus der Vormacht des Militärs bald ein blutiger Kampf gegen die eigenen Bürger, der Verluste und Tote brachte. Entscheidend für die Gewalt im Bürgerkrieg war jedoch die Psyche: Der Erfolg der Roten Ruhr Armee beim Straßenkampf in Hamborn Mitte März hatte die Soldaten unverhältnismäßig demoralisiert. Diese Erfahrungen der militärischen Führer vor Wesel im Kampf gegen die Rote Ruhr Armee standen im Mittelpunkt der Einschätzung der Lage des sich abzeichnenden Bürgerkriegs.

Notwendige Änderungen erfordern Akzeptanz durch rationales Verständnis und mentale Reifung. Die Ereignisse
zu Jahresbeginn 1920 und ihre Folgen werden zunehmend vor dem in der Sequenz 2 dargestellten Hintergrund nachvollziehbar. Handeln und Denken waren 1920 außerhalb der gesellschaftlichen Gruppe der Arbeiter eher monarchistisch-nationalkonservativ, der Wunsch nach grundlegenden Verbesserungen eher die Ausnahme. Angst stand im Hintergrund und blieb noch lange in den Köpfen: was bringt uns eine demokratische, sozialisierte Gesellschaft?  

Historisch gesehen bot das Zeitfenster 1919-1921 eine Chance für soziale Veränderungen und weckte bei den Menschen Hoffnungen. Diese Zukunftsvisionen waren jedoch unreif und chancenlos. Die konservative Seite hatte zudem nicht den Willen zu Kompromiss und Konsens. Zeit und Wille dazu fehlten bei vielen. Es zeichnete sich ab, dass die Weimarer Politik Jahre brauchen würde, um einen politischen Weg für die Demokratie, für eine stabile politische Landschaft, verbesserte soziale Regelungen sowie beidseitig akzeptierte Grundlagen in der Wirtschaft zu schaffen.

Kommen Sie mit auf eine Zeitreise zurück ins Jahr 1920 und gehen Sie zu den Anfängen des Kampfes um die Demokratie als Staatsform. Unsere Demokratie im 20. und 21. Jahrhundert wurde erkämpft und musste reifen. 

Dr. Ulrich Krahn

Dinslaken, im Januar 2020

 

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