Die kommunalen Archive der Region enthalten zahlreiche Quellen zur Geschichte des Bürgerkriegs im März/April 1920. In Dinslaken und Voerde sind es insbesondere zeitgenössische Schul-Chroniken, die einen unmittelbaren und oft emotionalen Zugang zu den Ereignissen in dieser Zeit ermöglichen. Aus Hünxe ist es das Tagebuch eines Bürgermeisters. Am Ende der Originalquellen folgen sowohl Listen als auch zum Teil Digitalisate der Sterberegister von Hünxe und Dinslaken - mit Ihnen wird an die Opfer des Bürgerkriegs erinnert.

Diese zum Teil erstmals im Original veröffentlichten Quellen werden im folgenden in Auszügen als Abbildung und zum großen Teil transkribiert für die eigene Forschung zur Verfügung gestellt.

Stadtarchivarin: Gisela Marzin


 

Quellenverzeichnis

  1. Wandern wir dem Abgrund zu? Aus der Schulchronik der Stockumer Schule in Voerde
  2. Ein Kommandant der Reichswehr im Dorf! Aus dem Tagebuch des Hünxer Bürgermeisters Max Wetzlar
  3. Die Regierungstruppen säuberten die Städte und Gemeinden von der Gewaltherrschaft der Kommunisten. Aus der Schulchronik Eppinghoven Voerde/Dinslaken
  4. Mehrere Bergleute und zwei Mädchen wurden standrechtlich erschossen. Aus der Schulchronik der Marienschule Lohberg/Dinslaken
  5. Regierungstruppen verfolgten fliehende, bewaffnete Arbeiter. Aus der Schulchronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg/Dinslaken
  6. Befreit von einem furchtbaren, erstickenden Drucke atmet die Bevölkerung von Oberlohberg auf. Aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken
  7. Auszüge aus den Sterberegistern von Hünxe und Dinslaken März/April 1920
  8. Berichterstattung zur Ermordung des Bergwerksdirektors Sebold
  9. Zeugenaussage Dr. Saelmans zu den Märzunruhen
  10. Dinslaken - Lohberg, Chronologie der Kirchengemeinde St. Marien
  11. Schulz - Ein Freikorps im Industriegebiet
  12. Chronik Voerde - Holthausen
  13. Voerde - Spellen, Geschichte der evangelischen Kirche
  14. Transkription des Textes des Lohberger Pfarrers Schmidt, 1926

 


 

I. Wandern wir dem Abgrund zu? Aus der Schulchronik der Stockumer Schule in Voerde

Am 23. März 1920 zogen sich die Regierungstruppen aus Dinslaken nach Wesel zurück, die Rote Armee konnte bis zur Lippe vorrücken. Dabei wurde Voerde vollständig besetzt. Ergänzend zur Darstellung in Michael Dahlmanns Buch "Der Aufstand" können wir hier den Original Auszug aus der Chronik der Volksschule Holthausen (Voerde), vom 24. März 1920 zur Verfügung stellen.

Der Lehrer schildert und kommentiert die Ereignisse in seiner Umgebung rund um den 24. März.

Dafür einen herzlichen Dank an die Leiterin des Stadtarchivs Voerde, Kirsten Lehmkuhl, dass Sie es ermöglicht hat die Quelle einzustellen und außerdem eine Transkription erarbeitet hat!

 

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Wie ein dunkles verschlossenes Tor liegt die Zukunft Deutschlands vor uns.
Nun wir wollen alle unsere Kräfte aufwenden,
um zu seinem Wiederaufbau unser bescheidenes Teil
bei zutragen. Wie es aber den Anschein hat, tragen sich unsere
Feinde mit der Absicht, uns vernichten zu wollen. Sie wollen
in unser Land einmarschieren, wenn wir nicht ihren
Diktatfrieden annehmen. Sie werden uns wohl zwingen.
In der Nacht zum 24. werden wir durch heftigen
Kanonendonner aufgeschreckt, nach der Rheinseite ist die
Nacht durch Raketen und Leuchtkugeln taghell erleuchtet.
Es ist klar: Unsere Gegner geben ihrer Freude Ausdruck,
dass sie die Deutschen zur Unterzeichnung des Friedens
gezwungen haben. Aber unsere Hoffnung, dass nun
der Krieg ein Ende habe, ist trügerisch, denn unsere Feinde
setzten ihn auf wirtschaftlichem Gebiete fort und die Not
dauert fort.
Eine unruhige Zeit! Wie das Weltmeer nach dem Sturme
noch hohe Wellen wirft, so kann sich die durch den Weltkrieg
aufgeregte Volksseele nicht gleich in die Friedenszeit hinein finden.
Eine Lohnforderung jagt die andere, ein Streik folgt dem anderen,
und dabei sinkt der Wert der Mark von Tag zu Tag.
Jeder Lohnerhöhung folgt auf dem Fuße eine Steigerung
der Preise für alle zum Leben notwendigen Gegenstände
und Nahrungsmittel. Wohin soll das führen? Die Arbeiter
setzten rücksichtlos ihre Forderungen durch und können
darum ihre Lebenshaltung entsprechend einstellen. Die
Industrie und das Gewerbe, vor allen Dingen aber die
Landwirtschaft verstehen es, ihre Preise der Teuerung
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entsprechen zu gestalten. Die Schieber und Wucherer leben sogar im
Saus und Braus. Schlimm steht es aber mit den Beamten und
Angestellten. Ihre Zulagen hinken stets der andauernden zunehmenden
Teuerung nach. Und erst die armen Kleinrentner! Wandern wir
dem Abgrund zu? Das wirtschaftliche und politische Leben unseres Volkes ist
in stetiger Erregung. Da kommt die Kunde von einem am 13. März 1920
in Berlin ausgeführten Putsch der die Aufrichtung der Monarchie zum
Ziele hat. Sofort erheben sich in Industriebezirk die Arbeiter zur Abwehr.
Die kommunistische Partei muss diese Gelegenheit für ihre Zwecke aus-
nutzen. Es wird von ihr eine „Rote Armee“ gebildet. Heftige Kämpfe
Spielen sich in den Straßen der Großstädte des Industriegebietes ab.
In der Nacht zum 21. März pochen zwei verirrte Männer der Reichswehr
an die Tür unseres Schulhauses. Roß und Reiter sehen abgehetzt aus, sie
haben schlimme Tage hinter sich. Am Nachmittage desselben Tages, einem
Sonntage, hören wir lebhafte Kanonendonner von Dinslaken herüber-
schallen. Das Geschützfeuer ruht auch am folgenden Tage nicht. Es soll das
Dorf Hiesfeld schwer davon mitgenommen sein. In der Nacht zieht sich
die Reichswehr auf Wesel zurück. Am nächsten Morgen wissen Schul-
kinder zu berichten, dass die „Roten“ bis Möllen und auf der Dinslaken-
Weseler Landstraße bis zur Wirtschaft van de Sand vorgedrungen sind.
Gegen 3 Uhr nachmittags wird das Bürgermeisteramt von
Ihnen besetzt. Wer noch auf die Straße will muß einen Ausweis von
Ihnen haben. Bewaffnete mit roten Armbändern ziehen über die Frank-
furter Straße. Beim Nachbar Gerh. Neukäter haben sich sechs einquartiert.
Im allgemeinen hat niemand etwas von ihnen zu leiden. Am
Donnerstag Morgen erscheint ein Rotgardist vor acht Uhr an der
Schule und teilt mir auf Befehl des auf dem Bürgermeisteramt
weilenden Führers des linken Flügels Hauptmann Hoffmann
mit, dass der Unterricht wegen der Gefahr eines Angriffes ge-
schlossen werden müsste. Dieser erfolgt dann auch am Samstag, den 27.
März nachmittags gegen 4 Uhr. Die Spartakisten werden vertrieben,
und wir amten auf. Leider wurde an der Nordgrenze Stockums
ein Junge aus Emmelsum ein Opfer des Kampfes. Er erhielt einen
Bauchschuss und starb bald. Die Hoffnung auf Ruhe zeigt sich bald als
eine trügerische. In der Frühe des nächsten Tages, Palmsonntag, hören
wir wieder das Geratter der Maschinengewehre. Der Gottesdienst
muss abgesagt werden. Gegen Nachmittag wird der Kampf heftiger
Granaten fahren über unsere Köpfe hin und herüber. In den
Donner der Kanonen mischt sich das Krachen der
Minenexplosionen
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Gewehrkugeln pfeifen vorüber. Man merkt, die Roten wollen
mit Gewalt den Durchbruch erzwingen. Während des heftigen Kampfes
nehmen die Bewohner ihren Aufenthalt in den Keller. Am späten
Abend muss der linke Flügel der Reichswehr (Freitags Schule) zurück-
genommen werden. Er stützt sich jetzt auf Friedrichsfeld. Die Gefechts-
linie geht jetzt am Eisenbahndamm Wesel-Dinslaken entlang, biegt
dann auf Haus Vörde zu und erreicht bei Görsicker den Rhein.
So bleibt sie bis zum Morgen des Karfreitags. An Ruhe in der Nacht
ist in diesen Tagen wenig zu denken. Das Maschinengewehrgeknatter
will kein Ende nehmen. Manchmal müssen wir wieder den Keller
aufsuchen, besonders wenn die Granateinschläge bedenklich nahe
sind. Das Ohr hat sich schnell daran gewöhnt. Abschuss und Einschlag
zu unterscheiden, so dass es auch im Halbschlaf den Unterschied
feststellt. Am Dienstag ist die Schule mit einer halben Maschinen-
gewehrkompagnie belegt worden. Die Leute machen keinen guten Eindruck.
Am Donnerstag ist Lohnung, da wird am Abend viel getrunken.
Das ist schlimm, denn am nächsten Morgen geht es zum Sturm.
In der Nacht schlagen wieder Granaten in der Nähe ein. Eine
krepiert vor dem Schulgarten, eine andere aber tötet in
der Scheuen von Wessel Schepers zwei Pferde der Reichswehr.
Die Artillerie nimmt die Bahnhofstraße besonders unter Feuer,
aber auch nach Möllen und dem Guten Haus Ahr richten sie ihren
Eisenhagel. Die Häuser und Gehöfte leiden schwer darunter
manche sind gänzlich zerschossen. Eine Granate fährt durch das
Dach eines Hauses in der Nähe des Voerder Bahnhofs, durchschlägt
die Decke und platzt in einer Stube des Erdgeschosses, in der eine
Familie um den Kaffeetisch sitzt. Die Mutter und zwei Kinder
werden von den Splittern erschlagen, der Vater bleibt unverletzt.
Die drei und ein älterer Mann aus Holthausen, der durch einen
Kopfschuss getötet wurde, werden am Samstag gemeinsam auf
dem Voerder Kirchhof begraben. Dem Götterswickerhammer Friedhof
wurden ein anderes Opfer des unseligen Aufstandes zugeführt, dass
seinen Tod durch einen Schuss in die Stirn fand. Es war ein junger
Mann von der Bahnhofsstraße, der im Kriege schwer verwundet worden
war. Draußen steht alles schon in vollster Frühlingspracht.
Aber der Blütenschmuck der Natur kann uns nicht erfreuen, in einer
Zeit, da sich deutsche Brüder aufs heftigste befehden und der Tod auf Leute
lauert. Endlich am Karfreitag Morgen gegen sieben Uhr schreitet
die Reichswehr zum Angriff. Der Widerstand der Gegner ist gering
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das Kampfgetöse entfernt sich rasch. Wir fühlen uns wie von einer
schweren Last erlöst. Aus der näheren und ferneren Umgebung strömt
viel Volk herbei, um den Schauplatz der Kämpfe und die Zerstörungen
zu besichtigen. Unsere Leute freuen sich, nun in Ruhe und Frieden
an die so dringend gewordenen Frühjahrsarbeiten gehen zu können.

 


 

II. Ein Kommandant der Reichswehr im Dorf! Aus dem Tagebuch des Hünxer Bürgermeisters Max Wetzlar

Zusammenfassung der Ereignisse zu den Märzunruhen 1920 aus dem Tagebuch von Bürgermeister Max Wetzlar
Von Kirsten Lehmkuhl, Gemeindearchivarin Hünxe

Das Tagebuch von Bürgermeister Wetzlar entstand ursprünglich als Kriegstagebuch während des 1. Weltkrieges 1914-1918. Doch Bürgermeister Max Wetzlar, Bürgermeister des Amtes Gahlen zu Hünxe von 1905 bis 1935, spürte, dass die Folgen des 1. Weltkrieges Auswirkungen auf seine tägliche Arbeit hatten und entschied sich für eine Fortsetzung des Tagebuches. Max Wetzlar bewohnte mit seiner Familie die Bürgermeisterwohnung im Obergeschoss des Rathauses an der Dorstener Straße.

Wetzlar begann am 30. März 1920 im Rückblick über die Unruhen zu berichten. So führt er dem Leser seines Tagebuches die schlechte wirtschaftliche Lage nach dem Ende des Weltkrieges vor Augen und verdeutlicht die Auswirkungen auf die Bürger seiner Gemeinde. So war das Pfund Reis nun 8,80 Mark wert, „im Ganzen erhielt man für 10 Mark nun etwas was früher nur 1 Mark gekostet hat“.
Nach seinen Aufzeichnungen begann der „rote Terror“ am 23. und 24. März in Schermbeck und Peddenberg. Mehr als 10.000 Soldaten waren in der Umgebung untergebracht und verwüsteten die ganze Region. Die Verpflegung der Soldaten wurde erzwungen, die Lebensmittellager der Gemeinde leergeräumt. Die Büros des Rathauses - damals auch das Wohnhaus von Bürgermeister Wetzlar - von der Verwaltung der Roten Armee eingenommen. Im Keller errichtete die Rote Armee ein Munitionslager.
Gerade das Munitionslager im Keller des eigenen Wohnhauses machte Bürgermeister Wetzlar große Angst, das Rathaus würde ihm mal um die Ohren fliegen. So entschied er sich für einen Umzug in die Dorfschule. Die andauernden Maschinengewehrfeuer führten aber auch dort zu sehr unruhigen Nächten.
Die meisten Kämpfe fanden jenseits der Lippe auf Weseler Gebiet statt. Am 27. März wurde die Rote Armee dann bei Krudenberg über die Lippe zurückgedrängt und verlor im Gefecht 63 Soldaten. Das Geschützfeuer beider Seiten führte zu erheblichem Sachschaden an Häusern und an der Kirche von Hünxe.
Als man am nächsten Morgen an die frische Luft trat „sahen wir zu unserer großen Freude einen Kommandanten der Reichswehr im Dorf. Wir stürzten auf die Straßen um die Retter zu begrüßen.“
Am 28., 29. und 30. März beschoss die Reichswehr Lohberg und konnte die Rote Armee weiter zurückdrängen. Die Kämpfe auf Hünxer Gemeindegebiet waren nur kurz und so konnte Bürgermeister Wetzlar am Ende ein zum Glück fast positives Resümee ziehen.
Voller Erleichterung notierte er, dass die Gemeinde ohne Personenschaden davongekommen sein. Der Sachschaden belaufe sich auf ca. 50.000 Reichsmark, außerdem fehle die Schreibmaschine und einige Stempel.

 


 

III. Die Regierungstruppen säuberten die Städte und Gemeinden von der Gewaltherrschaft der Kommunisten. Aus der Schulchronik Eppinghoven Voerde/Dinslaken

 


 

IV. Mehrere Bergleute und zwei Mädchen wurden standrechtlich erschossen. Aus der Schulchronik der Marienschule Lohberg/Dinslaken

Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Die Märzkämpfe 1920
Durch den Kapp-Putsch am 13.III. 20
entstanden schwere Kämpfe zwischen
der hiesigen Arbeiterschaft und der
Reichswehr, welche im Kasino Lohberg
Quartier bezogen hatte. Anläßlich
der Meldung vom Anzug starker
Truppen roter Garde von Oberhausen
und Duisburg zog sich die Reichs-
wehr auf höheren Befehl am
Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

19.III.20 nach Dinslaken zurück.
Vom 20.III. 20 ab wurde der Schul-
Unterricht ausgesetzt. Die roten
Truppen zogen heran und besetzten
einen Teil von Hiesfeld und Ober-
lohberg, während sich die Reichs-
wehr aus dem Industriegebiet
nach Dinslaken zurückgezogen
hatte. Ein Teil der Lohberger betei-
ligte sich an dem Kampfe. Drei
Tage tobte der Kampf zwischen
den Rotgardisten und Reichswehr.
Auf der Seite der roten Truppen gab
es mehrere Tote und Verwundete.
ein großer Teil der Häuser von
Hiesfeld wurde durch Minen
und Artillerievolltreffer schwer
beschädigt, in der Rolandstraße
fast jedes Haus. Nach drei Tagen
zog sich die Reichswehr nach Wesel
zurück, von der roten Armee
verfolgt. In der Nacht vorher war
der Direktor der Zeche Lohberg, Sebold,
von Rotgardisten ermordet und
gräßlich verstümmelt worden.
Verschiedene Leute flüchteten.
Dinslaken wurde nun das Hauptquartier
der roten Armee, Lohberg, nun
im Bereich der roten Armee
Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

liegend, wurde unaufhörlich
von Truppen durchzogen. Die
Polizeiverwaltung übernahmen
Mitglieder der kommunistischen
Partei. Unaufhörlich tobte der Feuer-
kampf um Wesel und Hünxe.
Viele Bürger flüchteten unter
Mitnahme von Frau und Kindern,
da seitens der roten Armee die
Lebensmittel beschlagnahmt und
requiriert worden, so trat Not ein.
Endlich am Karfreitag wurde
die Front der roten Armee durch-
stoßen. Über Bruckhausen und
Lohberg fluteten die Rotgardisten
in regelloser Flucht zurück.
Am Mittag rückte Sicherheitswehr
in Lohberg ein. Alle Häuser wur-
den nach Waffen durchsucht.
Die Bergleute Schön, Dittes,
Schönau, Vater und Sohn, Kunz-
mann und zwei Schwestern Eckertz
wurden standrechtlich erschossen.
Viele Kämpfer aus Lohberg waren
geflüchtet, kehrten aber wieder
zurück, nachdem ihnen Begnadigung
zugesichert war. Allmählich traten
wieder Ruhe und Ordnung ein.
Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Schulchronik der Marienschule Lohberg 1916-1939, II. Band, Seite 27ff

Die Marienschule zählte am 1. April
1920 – 830 Schüler, welche in 14 Klas-
Sen von 12 Lehrkräften unterricht-
tet wurden. Da nur 6 Klassen-
räume (Baracken) zur Verfügung
standen, so mußte ununter-
brochen von 8 - 5 Uhr mit kurzen
Pausen unterrichtet werden.
Die Baracken waren in schlechtem
Zustand, im Winter sehr kalt
und im Sommer unerträglich
heiß, so daß öfters der Unterricht
ausgesetzt werden mußte. Da
der Schulhof nicht eingezäunt war,
so wurden die Klassenräume
von halbwüchsigen Burschen
oft schwer beschädigt. Fast täglich
waren Fensterscheiben einge-
worfen. Zweimal wurde
eingebrochen, Geigen, Globus
und andere Lehrmittel gestohlen,
ohne daß es gelang, der Täter
habhaft zu werden. Infoge der
ungünstigen Raumverhält-
nisse hatten alle Klassen nur
beschränkte Stundenzahl. Die
Verhältnisse waren unerträglich.
Aufnahme 99 Kinder.

 


 

V. Regierungstruppen verfolgten fliehende, bewaffnete Arbeiter. Aus der Schulchronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg/Dinslaken

Aus: Die Chronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg II. Teil. StA Dinslaken. S 10, S. 30f

Aus: Die Chronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg II. Teil. StA Dinslaken. S 10, S. 30f

Lehrer Heinrich Liesen notiert rückwirkend am 5. April, was in Oberlohberg geschah:
Aus: Die Chronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg II. Teil. StA Dinslaken. S 10, S. 30f

Aus: Die Chronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg II. Teil. StA Dinslaken. S 10, S. 30f

5. April
Endlich sind die Schreckenstage des Bürgerkrieges vorbei.
Am 10. März, Samstags um 9 Uhr, verkündete der Kanonendonner
von Dinslaken und Hamborn her das Herannahen der Roten
Armee. Die Schule wurde geschlossen und den Kindern an-
empfohlen, sich in den Häusern aufzuhalten. Samstags
und Sonntags war die Schlacht um Dinslaken. Kanonengebrüll,
das Tack-Tack der Maschinengewehre, Schützenfeuer, Minenwerfer
etc,etc. wird den Bewohnern von Oberlohberg unvergeßlich bleiben.
Granaten platzten in unmittelbarer Nähe der Schule in der Krum-
beck. Die Dickerstraße war Aufmarschgebiet für die Rotgardisten,
die von Sterkrade, Bottrop, Gelsenkirchen etc. kamen, um die Kampf-
front beim Gärtner Eickhoff - Gärtnerstraße, Ziegeleigebüsch zu
verstärken. Montagsabend war das Einschlagen der Granaten der-
artig gefährlich, daß viele Bewohner aus dem Bergerfeld mit
Aus: Die Chronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg II. Teil. StA Dinslaken. S 10, S. 30f

Aus: Die Chronik der evangelischen Schule zu Oberlohberg II. Teil. StA Dinslaken. S 10, S. 30f

Sack und Pack auszogen. In der Nacht von Montag auf
Dienstag waren über 30 Flüchtlinge in der Schule unter-
gebracht. Nachdem [gestrichen: sich] die Regierungstruppen Dinslaken
freigegeben und sich auf Wesel zurückgezogen hatten, hörte
allmählich das [ …] der Rotgardisten hier an der
Schule (auf) vorbei auf. Donnerstag den 25. März konnte der
Unterricht wieder aufgenommen werden. Dinslaken
war in den Händen der Rotgardisten.
Am 31. März wurden 6 Mädchen und zwei Knaben
entlassen u. damit das Schuljahr geschlossen.
Nicht lange sollte die Herrschaft des Proletariats
dauern; am stillen Karfreitag vernahm man das Kampf-
getöse so nahe, daß man mit einem Zurückdrängen
der Roten Armee rechnete. Gegen 11 Uhr vormittags
kamen die ersten Regierungstruppen hier an der Schule
vorbei und verfolgten die fliehenden bewaffneten Arbeiter.
Nachmittags besetzte die grüne Polizeitruppe den Bezirk und
nahm Haussichtung nach Waffen vor.
Am folgenden Samstag kannte man an dem entfernten
Schießen vernehmen, daß die Regierungstruppen weiter
siegreich vordrangen und das Industriegebiet von den
Rotgardisten säuberten.
Die Ostertage konnte man wieder in Ruhe und Frieden verleben.

 


 

VI. Befreit von einem furchtbaren, erstickenden Drucke atmet die Bevölkerung von Oberlohberg auf. Aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Karfreitag 1920 [2. April 1920] ist es, 9 Uhr morgens.
Befreit von einem furchtbaren erstickenden Drucke,
atmet die Bevölkerung von Oberlohberg, nach die
sen Schreckenstagen, nach dieser kommuni
stischen Gewaltherrschaft wieder auf. Zähne
knirschend hat die rheinisch-westfälische Industrie
sich der Tyrannei beugen müssen, weil unheil
voller Einfluß der sozialdemokratischen Berliner
Regierung jeder tatkräftigen Abwehr sich
entgegensetzte. Berlin, Berlin, o unheilvolle
Stadt, du Stadt die Deutschlands Untergang
bedeutet, du Stadt in dem jeder Putsch
möglich ist. Kapp-Lüttwitz, die ostelbischen
Junker sie waren erledigt und dann lodert es hier im Westen auf.
Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

20.03.20.
Man hört allerlei Gerede. Die hier lagernden
Regierungstruppen stellen sich treu zu Volks
regierung. Aber Spartakus denkt jetzt oder
nie. Das Zeichen ist da. In Witten bildet
sich eine Rote Garde, Dortmund und
andere Städte folgen. Gefängnisse werden
geöffnet; tausende Verbrecher werden
auf die Menschheit losgelassen. Natür
lich schließt sich alles der Roten Armee
an. Sie scheint stark zu werden. Unter
lohberg kann das Herannahern ihre
Freiheitskämpfer nicht abwarten.

Samstagabend.
Schon ist der Rand des Galgenberges be
setzt. ... 50-70 Lohberger Kumpels
beginnen den Kampf mit nur einigen
Gewehren gegen die Regierungstruppen.
Diese liegen am Bahndamm der Thyssenschen
Zechenbahn.
Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Die Bergschule liegt von jetzt an in Kampffront.
Sonntag, den 21.03.
Das Leben vor der Schule, in dem gegen
überliegenden Wäldchen wird immer
vager. Das Sausen der Gewehrkugeln
macht einen Aufenthalt außerhalb des
Schulgebäudes unmöglich. Der Unterricht
ist seit Samstag ausgesetzt. Es sollte noch
schlimmer kommen. Andauernd kom
men neue Rotgardisten heran. Es
wird doller. Die Kugeln pfeifen heftiger.
Die Regierungstruppen antworten
mit M.G. Noch haben die Lohberger
kein M.G. Auswärtige kommen.
Sie erzählen von den grausigsten
Begebenheiten, von Greueltaten der Re
gierungstruppen usw.. Fanatische
Gesichter- Räuberhauptleute kann
man sie nennen. Es geht gegen
Nachmittag. Was wird kommen?
Die Bürger fragen und ich kann nicht
antworten. Ich weiß ja selbst nicht. Da kommen vier Rotgardisten.
Was mögen sie wollen? Pferd und
Wagen. Woher holen? Nachbar H.
Maus muß herhalten. "Wir wollen
den Dickbalg sprechen," so hieß es und
H. Maus tritt ihn in bürgerlicher Klei
dung entgegen. "Mag keine Flausen,
Menneken", so gehts dann weiter.
"Nun müssen wir Pferd und Wagen
haben." Maus stellt der Bande Pferd
und Wagen und nun: sie müssen
mit fahren." Was zu tun, er muß.
Sie holen M.G. und Munition von
der Franzosenstraße, wo ein Lastauto
eine Panne hatte. Maus erzählt nach
dem er Munition gefahren, man
hätte in als Geisel mitgenommen.
Die traurigen Bande hatte nicht das bißchen
Ordnung im Leibe; jeder wollte Führer sein
und die wollten siegen. Die Volksbeglücker,
ihr Gammelhunde, soll man besser sagen.
Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Nun hatten sie ja Munition und man
soll bloß gesehen haben, wie sie sich um
ein Gewehr gerissen. Verschiedene hatten
ja noch keins gesehen, viel weniger in Händen
gehabt. Schon bald knatterte das erhaltene Gewehr (M.G.)
der Kampf wurde immer toller. Ein bleiben
im Schulgebäude ausgeschlossen.
Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Auszug aus der Schulchronik der Bergschule/Dinslaken

Montag, den 22. März
Gewehrgeknatter hat über Nacht angehalten
alles hat nicht schlafen können, da plötzlich komm-
en schon Schrapnallgeschosse, die direkt über der
Schule krepieren. Nun wird es Zeit. Kind und Kegel
beginnt zu flüchten; denn ein längeres Weilen
im Schulgebäude ist ausgeschlossen.
Der Montag bringt eine richtige Feldschlacht. Des Nachmittags
bekommt die Bergschule ein Granattreffer. 42 Fenster
sind entzwei, Gartenzaun usw. Beim Nachbar
Gärtner Eikhoff geht eine Granate in den Vieh-
stall, tötet eine Hühner und Kaninchen, und
eine Unmenge Glasfenster an den Mistbanken
und Treibhause und Wohnhause. Die Rote Garde
verzeichnet mehrere Tote und Verwundete.
Wir sind bei Bewohnern des Lohbergs in sicherer
Hut, trotzdem sind auch Blindgänger bis zur
Buschstraße, Scholtenbusch und Krumbeeck gegan
gen. Nun kam die Nacht und mit ihr
dichter Nebel. Es war der rettende Engel. Die
Regierungstruppen ziehen sich bis an die Lippe
zurück, damit war fürs erste der Oberlohberg frei.
Quelle: Chronik der Bergschule. StA Dinslaken, S 10, S. 79

 


 

VII. Auszüge aus den Sterberegistern von Hünxe und Dinslaken März/April 1920

112.30.03.20. Wilhelmine Knaup, geb. Böcker in Hohenlimburg/Iserlohn (33)

112.30.03.20. Wilhelmine Knaup, geb. Böcker in Hohenlimburg/Iserlohn (33)

Frau des Walzers Gustav Knaup. Wohnhaft in der Krengelstr. 71. Gestorben am 22.03.20 (18.30 Uhr) in der Wohnung infolge eines Kopfschusses gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
113.30.03.20. Julius Törkel (42)

113.30.03.20. Julius Törkel (42)

geb. in Dinslaken, Ehemann von Gertrud, geb. Schmitz, Betonarbeiter. Wohnhaft in der Augustastr. 48. Gestorben am 22.03.20 (19.00 Uhr) infolge Brustschusses gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
115.30.03.20. Christine Schwarz geb. in Dinslaken (13)

115.30.03.20. Christine Schwarz geb. in Dinslaken (13)

Tochter des Bergmanns Heinrich Hermann Dietrich Schwarz und seiner Frau Anna Johanna Elisabeth, geb. Maahs. Wohnhaft in der Marthastr. 39. Gestorben am 27.03.20 im St. Vincenz-H. an den Folgen eines gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs-und Arbeitertruppen am 22.03.20 erhaltenen Lungenschusses.
116.30.03.20. Lina Overkamp, geb. Pahslör in Buchholtz/Hattingen (47)

116.30.03.20. Lina Overkamp, geb. Pahslör in Buchholtz/Hattingen (47)

Frau des Bergmanns Heinrich Friedrich Overkamp. Wohnhaft in der Klarastraße 42. Gestorben am 22.03.20 (15.45 Uhr) in der Wohnung infolge Kopfschusses gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
117.30.03.20. Friedrich Borgs (38)

117.30.03.20. Friedrich Borgs (38)

Fabrikarbeiter, gestorben am 23.03.20 an den Folgen eines gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen am 22. März 1920 erhaltenen Bauchschusses.
118.31.03.20. Peter Nether (26)

118.31.03.20. Peter Nether (26)

Bergmann, gestorben am 27.03.20 gelegentlich der Kämpfe zwischen den Regierungs- und Arbeitertruppen. Stunde des Todes ist nicht näher festgehalten worden.
119.31.03.20. Karl Friedrich Masuch (20)

119.31.03.20. Karl Friedrich Masuch (20)

Bergmann, gestorben am 25.03.20 an den Folgen eines in den Kämpfen zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen am 24. März 1920 erhaltenen Bauchschusses.
120.31.03.20. Eugen Lenzen (20)

120.31.03.20. Eugen Lenzen (20)

Bandwirker, gestorben am 29.03.20 an den Folgen von Lungenschuss und Rückenmarksverletzung gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
122.01.04.20. Adolf Meskendahl (19)

122.01.04.20. Adolf Meskendahl (19)

Arbeiter, gestorben am 26.03.20 in den Kämpfen zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen an den Folgen eines Brustschusses. Die genaue Stunde des Todes ist nicht festgestellt worden.
124.01.04.20. Franz Stransky (35)

124.01.04.20. Franz Stransky (35)

Hauer, gestorben am 22.03.20 in den Kämpfen zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen infolge Verletzung durch Granate.
125.01.04.20. Paul Stöcker (12)

125.01.04.20. Paul Stöcker (12)

Schüler, Sohn des Bergarbeiters Friedrich Heinrich Stöcker (+), gestorben am 21.03.20 durch Kopfschuss in den Kämpfen zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
128.03.04.20. Klaas de Vreese (25)

128.03.04.20. Klaas de Vreese (25)

Maurer, gestorben am 20.03.20 infolge Bauchschusses gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
131.03.04.20. Wilhelmine Mestmacher (49)

131.03.04.20. Wilhelmine Mestmacher (49)

Frau des Kaufmanns Friedrich Karl Mestmacher, gestorben am 02.04.20 durch Granate in den Kämpfen zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
132.06.04.20. Hedwig Rabczinski (19)

132.06.04.20. Hedwig Rabczinski (19)

ochter des Bergmanns Anton Rabczinski, gestorben am 02.04.20 in der Nähe des Rathauses an der Kaiserstraße in folge Brustschusses gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen. Die genaue Zeit des Todes konnte nicht festgestellt werden.
133.06.04.20. Heinrich Kunzmann (22)

133.06.04.20. Heinrich Kunzmann (22)

Bergmann, gestorben am 02.04.20 auf der Ziegelstraße in den Kämpfen zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen. Die genaue Zeit des Todes konnte nicht festgestellt werden.
134.06.04.20. Peter Göbbels (23)

134.06.04.20. Peter Göbbels (23)

Bergmann, gestorben am 02.04.20 durch Granate gelegentlich der Kämpfe zwischen den Regierungs- und Arbeitertruppen.
135.06.04.20. Elisabeth Katarina Hiltenfink (28)

135.06.04.20. Elisabeth Katarina Hiltenfink (28)

verwitwete Kronshagen, geb. Kuhn, gestorben am 02.04.20 in der Nähe des Rathauses an der Kaiserstraße gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
136.06.04.20. Emil Kliem (18)

136.06.04.20. Emil Kliem (18)

Bergmann, gestorben am 21.03.20 durch Brust- und Bauchschuss gelegentlich der Kämpfe zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.
139.08.04.20. Maria Pettek (18)

139.08.04.20. Maria Pettek (18)

Tochter des Bergmanns Simon Pettek, gestorben am 02.04.20 in der Wohnung durch Granatensplitter in den Kämpfen zwischen Regierungs- und Arbeitertruppen.

 


 

Berichterstattung zur Ermordung des Bergwerksdirektors Sebold

 


 

Zeugenaussage Dr. Saelmans zu den Märzunruhen

 


 

Dinslaken - Lohberg, Chronologie der Kirchengemeinde St. Marien

 


 

Schulz - Ein Freikorps im Industriegebiet

 


 

Chronik Voerde - Holthausen

 


 

Voerde - Spellen, Geschichte der evangelischen Kirche

 


 

Transkription des Textes des Lohberger Pfarrers Schmidt, 1926

Sammlung Dittgen, SP 68-109

Sammlung Dittgen, SP 68-109

Sammlung Dittgen, SP 68-109

Sammlung Dittgen, SP 68-109

... Generallandschaftsdirektor Kapp trat am 13. März 1920 seine hundertstündige Herrschaft an. In dem nun folgenden allgemeinen Wirrwarr brachen in Lohberg naturgemäß die Unruhen wieder aus. Am 17. März kam es zu einem Zusammenstoß zwischen der Garnison [aus Wesel, siehe Glettenberg] und den Lohbergern, in der Hauptsache den Angehörigen des Ledigenheims. Das Ledigenheim, der Herd aller Unruhen, wurde beschossen und einige Insassen verwundet. Unterdessen näherte sich die rote Garde über Essen und Oberhausen dem Dinslakener Bezirk. Die Besatzung Lohbergs zog zum Zusammenschluß mit anderen Freikorps nach Dinslaken, jedoch mußten sich die Truppen unter dem Drucke der gegnerischen Flankenangriffe in der Nacht vom 21. zum 22. März hinter die Lippe zurückziehen, mit der Front gegen Dinslaken und Schermbeck. Mit den Truppen verließen viele Bürger das Weichbild unserer Stadt, um nicht in die Hände der Aufrührer zu fallen. Direktor Sebold, der Leiter der hiesigen ...
Sammlung Dittgen, SP 68-109

Sammlung Dittgen, SP 68-109

... Schachtanlage, der auch um sein Leben besorgt sein mußte, wurde am 22. März nachmittags aus seiner Wohnung an der Ziegelstraße von Rotgardisten herausgeholt, da er angeblich in telefonischer Verbindung mit den Regierungstruppen gestanden hatte. Er mußte die Telefonkästen schleppen und wurde auf den Weg zur roten Gefechtsleitung geführt. Zu dieser Zeit lag schweres Artilleriefeuer auf der dortigen Stellung der Rotgardisten an der Bergerstraße, sodaß Direktor Sebold von seinen Begleitern weiter rückwärts transportiert wurde. Die Gefechtsleitung wollte ihn angeblich nach der Kolonie Lohberg führen lassen, aber auf dem Wege dorthin durch den Wald ermordete man ihn meuchlings. Lohberg, das nunmehr vollkommen im Bereich der roten Armee lag, wurde unaufhörlich von roten Truppen durchzogen; acht Tage lang lag unser Ort unter schwerem Artilleriefeuer, im Ledigenheim war ein Lazarett eingerichtet, Haussuchungen und Requirierungen fanden allenthalben statt, die Bevölkerung verbrachte die meiste Zeit in den Kellern. Im Weltkriege hatten unsere tapferen Truppen den Krieg unseren Grenzen ferngehalten, und nun tobte er im eigenen Lande zwischen den Angehörigen desselben Volkes. Viel Blut ist an der Lippe geflossen, um deren Übergang bei Hünxe auf beiden Seiten hart gekämpft wurde. Am 2. April war Karfreitag, an diesem Tage gelang es den Regierungstruppen die Lippe zu überschreiten und die rote Armee unter schwersten Kämpfen zurückzudrängen. Erleichtert atmete man auf. Unsere Kolonie, als Hochburg des Kommunismus, hatte an diesen Kämpfen großen Anteil genommen und sind dementsprechend ihre Verluste schwer gewesen, spricht man doch von über 80 Toten und Vermißten. Auch die Beschießung des Ortes hatte Opfer gefordert. So war in einem hause der Grabenstraße ein Brautpaar durch eine einschlagende Granate getötet worden. Erwähnungswert ist es, daß man beim Rückzug die Zeche in die Luft sprengen wollte. Eine große Menge Dynamit, bei deren Explosion auch Lohberg mit in die Luft geflogen wäre, war im Maschinenhaus der Zeche zusammengebracht, nur der schnelle Vormarsch der Regierungstruppen und das mannhafte Eingreifen einiger Beamten verhinderte das größte Unglück. Überhaupt hatte eine ganze Anzahl Zechenbeamten wegen ihrer treuen Pflichterfüllung unsagbar unter dem Terror der Rotgardisten zu leiden gehabt, was ihnen nicht von ihren ...
Sammlung Dittgen, SP 68-109

Sammlung Dittgen, SP 68-109

... Vorgesetzten vergessen werden darf. Nach Einnahme Lohbergs durch die Regierungstruppen waren die Haupträdelsführer für eine lange Zeit aus Lohberg verschwunden, sodaß allmählich wieder Ruhe einkehrte. Es läßt sich nicht bestreiten, daß einige der Aufständischen mit Idealismus kämpften, sehr viele dagegen betrachteten den Kampf nur als eine Gelegenheit, um sich zu bereichern. In der letzten Woche vor der Entscheidung waren kaum noch Lebensmittel zu haben. ...

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